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Das Ende der Politik?

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Das politische Buch


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Inhaltsverzeichnis


Abgeordnete des badischen Landtags

Konrad Exner-Seemann
50 Jahre Grundgesetz
Vorläufer des Grundgesetzes,
Abgeordnete des badischen Landtages.
Verlag Braun, Karlsruhe, 1999
257 S.

Der Titel macht neugierig. Geht man doch im deutschen Südwesten vielfach davon aus, dass die deutsche Demokratie und damit die Grundlage des Grundgesetzes durch die über Jahrhunderte hinweg besonders ausgeprägten Freiheitsbewegungen in dieser Region Deutschlands das Rechts- bzw. Unrechtsbewusstsein besonders ausgeprägt ist. Leider wird der Leser des vorliegenden Buches in dieser Hoffnung getäuscht. Schon optisch und noch mehr inhaltlich passt manches nicht zusammen. Laut (Rück-)Umschlagtext will das Buch zum 50-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland "über das Grundgesetz von 1949 und seine Änderungen" informieren und Verbindungen herstellen "zu badischen Vorkämpfern einer demokratischen Verfassung". Hierzu passt weder der offizielle Titel des Buches noch eine Abbildung von Konrad Adenauer auf der vorderen Umschlagseite so ganz.

In einer zweiseitigen Einführung beschreibt Konrad Exner-Seemann kurz, wie 1948 die West-Minsterpräsidenten einen "Parlamentarischen Rat" als Vertretung der Länderparlamente und nicht eine Verfassungsgebende Nationalversammlung, wie es eigentlich Wunsch der Westalliierten war, zusammenriefen. Auch der Betriff "Grundgesetz" anstelle von "Verfassung" konnte durchgesetzt werden. Anschließend wird der Parlamentarische Rat mit seinen Ausschüssen und wichtigen Vertretern kurz beschrieben, wobei - nicht ganz nachvollziehbar - der zeitlich davorliegende Sachverständigenausschuss auf Herrenchiemsee an den Schluss der Einführung gerückt ist.

Auf etwa 25 Seiten geht der Autor auf die verschiedenen Abschnitte des Grundgesetzes im Einzelnen ein. Dabei wird jeweils der historische Hintergrund, die Veränderung im Lauf der Jahrzehnte wie auch die Bedeutung bei der Wiedervereinigung erläutert. Die Verabschiedung des Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat wird allerdings in einem zweiten Kapitel mit dem Titel "Verkündigung und Vorläufer des Grundgesetzes" geschildert. Danach erwähnt der Autor in zwei Sätzen die Weimarer Verfassung von 1919 und die Reichsverfassung der Frankfurter Nationalversammlung von 1849. Anschließend geht er kurz auf die badische Verfassung von 1818 als einer der frühesten und freiheitlichsten Verfassungen in Deutschland ein. Bereits sie garantierte den badischen Untertanen staatsbürgerliche Grundrechte. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die badische Verfassung in mehreren Schritten immer wieder demokratischer gestaltet.

Das Bundesverfassungsgericht wurde 1951 ganz bewusst nach Karlsruhe gelegt. Es sollte nicht am selben Ort sein wie die Bundesregierung, und in Karlsruhe befand sich bereits der Bundesgerichtshof. Aus der Tatsache, dass der Neubau des Bundesverfassungsgerichtes sich unmittelbar neben dem Karlsruher Schloß befindet, zieht der Autor eine Verbindung zwischen badischer Verfassung von 1818 und Bundesverfassungsgericht als "oberster Hüter der Verfassung".

Im IV. Kapitel werden auf etwa 200 Seiten Leben und Werk einiger herausragender badischer Politiker als "Kämpfer einer demokratischen Verfassung" beschrieben, über die Auswahlkriterien wird allerdings nichts mitgeteilt. Für jeden Politiker wird jeweils der Lebenslauf geschildert und in einem zweiten Teil seine Arbeit im badischen Landtag. Jeder Person ist zu Beginn des entsprechenden Kapitels - und nicht im allgemeinen Inhaltsverzeichnis vorne im Buch - eine eigene Inhaltsangabe beigefügt. Durch unterschiedliche Aufteilung und unterschiedliche Gestaltung der Schrift bekommt der Leser schon rein optisch den Eindruck, die Kapitel seien möglicherweise von unterschiedlichen Autoren. Insgesamt erweckt das Buch den Anschein, es sei etwas schnell zusammengeschrieben oder aus vorhandenen Teilen zusammengesetzt worden. Druckfehler kommen selbstverständlich in jedem Buch vor, wenn jedoch selbst der Name eines der fünf aufgeführten badischen Politiker auf Seite 139 zweimal unterschiedlich falsch geschrieben wird, zeugt dies nicht unbedingt von sorgfältiger Arbeit. Auch die Verwendung alter, heute diskriminierender Begriffe ohne Anführungszeichen berührt unangenehm. Die jeweilige Aufteilung in Sitzungsperioden des Landtages und darunter in Sachgebiete erscheint etwas merkwürdig. Auch ist die Reihenfolge der Unterkapitel nicht einheitlich. Die Beschreibung der Tätigkeit der einzelnen Abgeordneten ist wesentlich detaillierter (bis zu einzelnen Petitionen!) als es unter dem Stichwort "Vorläufer des Grundgesetzes" eigentlich notwendig wäre.

Der SPD-Politiker Ludwig Marum (1882-1934) war im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik Abgeordneter des badischen Landtages. Im Mai 1933 wurde Marum zusammen mit Kollegen in einem offenen Wagen durch Karlsruhe transportiert und ins Konzentrationslager Kislau gebracht. Da er Jude war, wurde er nicht wie die anderen Genossen später wieder entlassen. Angeblich erhängte er sich im März 1934.

Josef Ziegelmayer (1855-1928) war als Mitglied des Zentrums zunächst Bürgermeister von Langenbrücken und Mitglied der Landwirtschaftskammer, später Landtagsabgeordneter von Bruchsal. Alle drei Ämter waren ehrenamtlich, so dass die Familie mit neun Kindern von der Landwirtschaft leben musste. Bei der Beschreibung seines Lebenslaufes disqualifiziert sich der Autor etwas, indem er als seine Quelle die Enkelin des Politikers als "Tochter des Schwiegersohnes É" angibt. Auch sonst sind die Schilderungen nicht ganz schlüssig. Bei der Tätigkeit Ziegelmayers als Bürgermeister wird vor allem die Entwicklung des Wahlrechts beschrieben. Wie bei Marum wird auch hier die Landtagstätigkeit unterteilt. Hier zusätzlich beschrieben wird der 100. Geburtstag der badischen Verfassung am letzten Sitzungstag 1918 mit einer gemeinsamen Sitzung der beiden Kammern des badischen Landtages.

Auch der Lebenslauf von Rupert Rohrhurst (1860-1952) aus Wittnau bei Freiburg ist etwas unübersichtlich aufgeteilt. Rohrhursts Besuch etlicher katholischer Schulen nutzt der Autor zu einer näheren Beschreibung der Geschichte der Konfessionsschulen in Baden. Leider ist dies im Inhaltsverzeichnis so nicht ersichtlich. Auch bei der Schilderung des Besuchs des Gymnasiums verliert sich der Autor in an sich interessante Ausführungen über die unterschiedlichen Möglichkeiten des Militärdienstes. Nach dem Studium der Theologie war Rohrhurst im Schuldienst, später als Leiter des Heidelberger Volksschulwesens tätig. Ab 1900 saß er als Abgeordneter der Nationalliberalen Partei im Badischen Landtag und war dort auch zeitweise Präsident und Vizepräsident. Wegen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit, u.a. auch in der Stadtverordnetenversammlung wurde er zum 90. Geburtstag zum Heidelberger Ehrenbürger ernannt. Die Beschreibung der Tätigkeit Rohrhursts im badischen Landtag nutzt der Autor zum historischen Rückblick auf den Erlass der Verfassung sowie zur Beschreibung der Wahlen zum Parlament und der Entwicklung der Wahlkreise im Raum Heidelberg.

Auch Friedrich Weber (1866-1930) aus Durlach war sowohl zur Zeit der konstitutionellen Monarchie wie auch danach in der Weimarer Republik Abgeordneter der SPD im Badischen Landtag. Der Lebenslauf fällt mit weniger als einer Seite vergleichsweise kurz aus, und auch die Landtagstätigkeit umfaßt lediglich ca. 15 Seiten. Weber engagierte sich vor allem für seine Heimatstadt und seinen Wahlkreis.

Im Zusammenhang mit dem Lebenslauf des aus Oberschefflenz, Kreis Mosbach, stammenden konservativen Landtagsabgeordneten Johann Georg Banschbach (1853-?) geht Exner-Seemann näher auf die konservative Partei, das Verhältnis zwischen Erster und Zweiter Kammer und die Wahlen im Wahlkreis 70 ein. Banschbach saß von 1905 bis 1918 in der Zweiten Kammer des badischen Parlaments.

Die einseitige Zusammenfassung am Schluss des Buches betont noch einmal, wie sehr "badische Abgeordnete des frühen 20. Jahrhunderts É in einer Vorstufe zur heutigen Demokratie mit der badischen Verfassungsurkunde" versucht haben, "bürgernahe Politik zu betreiben". Für jeden Politiker wird die besondere Leistung hervorgehoben. Weimarer Verfassung, nationalsozialistische Diktatur und Grundgesetz werden mit jeweils einem Satz bewertet.

Bereits zum Abschluss des Vorwortes fordert der Autor, dass sein Werk "in den Bildungsstätten, vor allem aber in den Schulen Baden-Württembergs, Verbreitung finden" sollte. Vom Titel her würde manches dafür sprechen, doch leider hält das Buch nicht, was der Titel verspricht. Besonders zu bedauern ist, dass wertvolle allgemeine Informationen über den badischen Landtag irgendwo zwischen der Alltagsarbeit eines einzelnen Abgeordneten gegeben werden und damit für einen interessierten Leser, der speziell dies wissen will, fast nicht auffindbar sind. Wer sich allerdings mit einem der fünf beschriebenen Landtagsabgeordneten speziell befassen will, für den wird das Buch interessant sein und mit den umfangreichen Quellen- und Literaturangaben wichtige Informationen geben. 

Angelika Hauser-Hauswirth

 

Baden-Württemberg im Bild

Wolfgang Alber / Eckart Frahm /Manfred Waßner
Baden-Württemberg
Kultur und Geschichte in Bildern
Konrad Theiss Verlag Stuttgart 1999,
160 Seiten mit über 200 meist farbigen Abbildungen, DM 79,- (bis 31. 12. 1999: DM 69,-)

"Kultur und Geschichte in Bildern" will diese Neuerscheinung über Baden-Württemberg bieten, einen "anschaulichen Überblick" über die Geschichte unseres Bundeslandes, auf 160 Seiten, mit mehr als 200 Abbildungen, die zumeist farbig sind.

Um es gleich vorab zu sagen: Das Buch ist ein schönes Buch, voller ausdrucksstarker, klug ausgewählter, manchmal auch überraschender Bilder, die jeweils einen Teil der Aussage enthalten, eng verzahnt mit dem Text. Nebenbei bemerkt auch peinlich genau darauf bedacht, dass Baden und Württemberg auch in den Bildern gleichermaßen berücksichtigt werden. Hohenzollern wird mit seiner ansehnlichen Burg gleich auf dem Titel sichtbar.

Die Autoren haben eine klare Theorie für ihr Herangehen an die Geschichte Baden-Württembergs, legen sich Rechenschaft über ihr Vorgehen ab und versuchen das in ihrem Vorwort auch dem Leser gegenüber zu tun. Das Letzte gelingt allerdings nicht ganz, für den "normalen" Leser ist die Begründung etwas schwierig zu lesen, für den "Kenner" dagegen fällt sie zu knapp aus. Vor allem geht es nicht an, Fragen aufzuwerfen und sie dann nicht zu beantworten. Beispiel: "Wer aber sieht schon die hintergründig-symbolische Bedeutung einer geschälten Zitrone oder geöffneten Auster?" (S. 10) Der Leser wartet vergeblich auf Antwort.

Das Buch ist angelegt zum darin Blättern und sich dann festzulesen. Das gelingt zweifellos. Darüber hinaus ist die Gliederung übersichtlich und nachvollziehbar, Zeitleisten erleichtern die Orientierung.

Die Geschichte in Baden-Württemberg von der Vor- und Frühgeschichte bis heute auf - kostengünstigen (= 10 Bögen) - 160 Seiten: Das ist schon ein schwieriges Unterfangen. Jeder, der ein knappes Buch für ein breites Publikum macht, kennt das Problem: Wie kann ich etwas kurz darstellen, ohne dass die Aussage schief oder gar falsch wird? Es ist gut, dass die Autoren den Mut aufgebracht haben, sich an dieses Problem zu wagen. Zumeist gelingt der Versuch, manchmal allerdings auch nicht. Wenn Peter Blickle als der Kenner von Bauernkrieg sowie sozialer und rechtlicher Stellung der Bauern im deutschen Südwesten die entsprechenden Passagen lesen würde, dürfte er wohl kaum zufrieden sein (Seine einschlägigen Veröffentlichungen fehlen im Literaturverzeichnis). Ähnlich geht es mir selbst bei Barock und Gegenreformation. Dass Hohenzollern seine Selbständigkeit "durch Einheirat in Napoleons Familie bewahren" konnte (S. 84), ist nicht ganz richtig. Es war die enge Freundschaft von Fürstin Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen zu Josephine Beauharnais, die Hohenzollern die Selbständigkeit retten half. Familiäre Bindungen kamen erst später hinzu.

Das Schlusswort mit der anspruchsvollen Überschrift "Zukunft" besteht im Wesentlichen aus einem bekannten Bloch-Zitat, das zwar schön, aber im Kontext "Heimat" schon etwas abgegriffen ist. Mit Baden-Württemberg hat das Zitat aber nichts unmittelbar zu tun, erst recht nichts mit dessen "Zukunft"!

Literaturverzeichnisse können dazu da sein, Rechenschaft abzulegen über den eigenen Wissensstand, die eigene Redlichkeit in Hinblick auf die benutzte Literatur zu dokumentieren, aber eben auch, dem Leser, den man neugierig gemacht hat, weiterzuhelfen. Die "Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs" werden im Literaturverzeichnis genannt, summarisch unter L: "Landeszentrale"; ebenso dass inzwischen 27 Bände erschienen sind. Für den, der sich ausführlicher mit der Geschichte des Landes beschäftigen will, ist diese summarische Nennung allerdings wenig hilfreich, zumindest die Bände über Hohenlohe, Hohenzollern, Kurpfalz, Oberschwaben oder Südbaden hätten eigens genannt werden sollen, zumal die Autoren des Buches durchaus davon profitiert haben.

Nochmals: Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, in dem zu blättern und zu lesen gleichermaßen Spaß macht.

Hans-Georg Wehling

 

Partnerregion Rhone-Alpes

Ernst Ulrich Große / Udo Kempf / Rudolf Michna
Rhone-Alpes
Eine europäische Region im Umbruch
(Studien des Frankreich-Zentrums der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Verlag Spitz, Berlin, 1998
290 S., DM 64,-

Am 9. September 1988 trafen sich die Präsidenten der Regionen Baden-Württemberg, Catalunya, Rhone-Alpes und Lombardia in Stuttgart und unterzeichneten ein Abkommen zur wirtschaftlichen Kooperation, vor allem in den Bereichen Kunst, Kultur, Forschung, Technologie und Telekommunikation. Ziel der Zusammenarbeit ist es, die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Leistungsfähigkeit der vier Regionen zu fördern und einen wertvollen Beitrag zur Vereinigung Europas zu leisten sowie Ungleichgewichte zwischen Nord und Süd, West und Ost zu vermeiden.

1994 unterzeichneten die Präsidenten dieser vier Motoren für Europa in Barcelona eine Endresolution, in der sie ihre Zufriedenheit über die immer bedeutender werdende Rolle der Regionen innerhalb des europäischen Integrationsprozesses betonten. 1995 in Lyon wurde eine Resolution für eine europäische Strategie der Vier Motoren unterzeichnet, in der diese sich verpflichteten, konkrete "Antriebs"-Regionen innerhalb Europas zu werden und die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft über die Medien und bei den Institutionen der Europäischen Union zu bewerben und hervorzuheben. In ihrem letzten offiziellen Treffen, 1997 in Stuttgart, bereiteten die Präsidenten eine Resolution der Regionen als Partner der Europäischen Union vor.

Im Bewusstsein der Bevölkerung sind die baden-württembergischen Partnerregionen kaum verankert. Dies wird sich auch mit Erscheinen dieses Buches, das sich mit der Region Rhone-Alpes beschäftigt, nicht ändern. Bisher fehlte im deutschsprachigen Raum aber eine Hintergrundinformation, eine solide Studie zur zweitgrößten und nach der êle-de-France bevölkerungsreichsten Region Frankreichs. Diese Lücke sucht das Buch dreier Freiburger Frankreich-Kenner zu schließen: des Romanisten Große, des Politologen Kempf und des Geographen Michna.

Die Regionalstudie ist in sieben Kapitel gegliedert und beginnt mit einem breiten historischen Rückblick auf die Geschichte der Region und einer Darstellung ihrer naturräumlichen Gegebenheiten.

Dann leiten drei gründliche Kapitel über zu den politischen Strukturen der Region, zu den Themen Wirtschaft und Bevölkerung. Ein weiteres Kapitel ist dem Bildungssystem der Rhone-Alpes-Region gewidmet. Es folgen zwei Kapitel zur regionalen Identität - dem ursprünglichen Thema dieser Projektgruppe am Freiburger Frankreich-Zentrum, die später die Region als Ganzheit ins Visier nahm - und zu den Außenbeziehungen dieses Raumes. Eine griffige und daher zur ersten Orientierung des eiligen Lesers nützliche Zusammenfassung, ein für den Kontaktaufbau unumgänglicher Adressenanhang und das obligate Literaturverzeichnis, das zur besseren Orientierung der Leser nach Kapiteln gegliedert ist, schließen den Band ab.

Man vermisst bei der ersten Durchsicht ein Kapitel über die Massenmedien, wie es für Frankreich als Ganzes z.B. Große/Lüge und Kempfs Neufassung seiner politikwissenschaftlichen Frankreichstudie enthalten. Doch werden im zentralistischen Frankreich alle wichtigen Massenmedien von Paris gesteuert. Daher geben die regionalen und lokalen Medien für ein eigenes Kapitel einfach zu wenig her bzw. sind nur für einen kleinen Leserkreis von größerem Interesse. Sie werden im Wirtschaftskapitel auf S. 146f., das sich mit Dienstleistungsunternehmen auseinandersetzt, mit behandelt.

Dieses Kapitel bildet kaum zufällig den Mittelteil des Buches. Es bildet auch, mit seinem Umfang von 84 Seiten, das längste und durch seine meist ganzseitigen, sehr informativen Karten das am besten ausgestattete Kapitel. Das ist gerechtfertigt, denn eine wichtige historische und ökonomische Legitimationsgrundlage liegt in der "gebündelten" Wirtschaftskraft dieser Region. Über eine rein wirtschaftsgeografische Darstellung geht dieses Kapitel aber weit hinaus. Man spürt an den vielen faktenreichen Details die genaue Orts- und Sachkenntnis der Autoren.

Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf das politik- und wirtschaftsgeschichtliche Kapitel 1. Es macht einerseits deutlich, wie heterogen die in Paris am grünen Tisch geschaffene Region als Mosaik historisch-politischer Teilgebiete eigentlich ist, und es betont andererseits die historische Bedeutung und Ausstrahlung der Hauptstadt Lyon schon lange vor der Entstehung der administrativen Region im Jahre 1956. Das Zentrum Lyon ist in der Tat der "Kitt", der die unterschiedlichen Landschaften im Umfeld bereits seit dem Aufschwung der Seidenverarbeitung und in ihrem Gefolge auch anderer Industrien im 19. Jahrhundert zusammenhält. Überall dominierten hier die Lyoner Geschäftsleute und Bankiers (S. 47). Und sie dominieren noch immer, selbst wenn Grenoble sich namentlich in der Forschung und in der Verteilung der Elitehochschulen (grandes ecoles, S. 224-228) zu einem zweiten Pol in der Region gewandelt hat. Dennoch entsprechen die politischen Rechte und finanziellen Gestaltungsmöglichkeiten bislang bei weitem noch nicht der Wirtschaftskraft der Region. Die Budgets der Region wie auch ihrer acht departements sind vergleichsweise bescheiden und nicht mit denen Baden-Württembergs und Kataloniens zu vergleichen. Eng begrenzt sind auch die Kompetenzen im Bildungswesen, dem wichtigsten Sektor der Zukunftsplanung, der über die Hälfte der regionalen Ausgaben ausmacht. Inwieweit mit dem Wirtschaftspotential und den übrigen vielfältigen Aktivitäten der Region auch allmählich das Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Bewohner wächst, sei dahingestellt (Kap. 6). Einen substantiellen Beitrag der miteinander seit den 80er Jahren kooperierenden "Vier Motoren für Europa" zum Ausbau des "Europas der Regionen" und damit des Subsidiaritätsprinzips in der EU wird man nur schwer erwarten dürfen. Die starken zentralistischen Staatsstrukturen lassen die wirtschaftlichen Leistungsträger politisch schwach und zaghaft erscheinen. Das gilt für Rhone-Alpes wie für die Lombardei. Und dazu trägt auch die institutionelle "Doppelköpfigkeit" vieler Verantwortlicher sowohl in der Region (z.B. als Bürgermeister) als auch in Paris (hier meist als Abgeordneter) bei.

Was dem Buch fehlt, ist neben dem Institutionen- und Adressenverzeichnis vor allem auch eine Zusammenstellung von Webseiten und Links zu den einzelnen Kapiteln. So wäre bei allen Fragen, welche die Region betreffen, ein schnellerer Zugriff als auch ein "Informations-Update" möglich. Gravierender ist da schon eher, dass das wichtige Element der politischen Kultur einer Region, wie sie in Traditionen, Festen und Vereinen zum Ausdruck kommt, mehr oder weniger ausgespart wurde. Von solchen Wünschen abgesehen, darf das Werk als gründlich, aktuell und aufschlussreich gelten. Die zahlreichen Karten und Diagramme machen es anschaulich. Es vermittelt am Beispiel der südlichen Region viel allgemein Frankreichtypisches und verdient daher eine größere Verbreitung. 

Michael Wehner

 

Schlager

André Port le roi
Schlager lügen nicht
Deutscher Schlager und Politik in ihrer Zeit
Klartext Verlag Essen 1998, 224 Seiten, DM 19,80

Wenn Du denkst, Du denkst, Schlager hätten nichts mit Politik zu tun, dann sei das Buch "Schlager lügen nicht" von André Port le roi empfohlen. Seine politische Zeitreise durch Deutschland orientiert sich an unvergessenen Ohrwürmern mit durchschlagendem Erfolg - Schlager eben. Eine präzisere Definition für den Gattungs- bzw. Erfolgsbegriff hält Port le roi angesichts einer Interpretenspannbreite von Anita bis Zander für wenig hilfreich. Was ein Schlager ist, bestimmt das Publikum. Und diese Entscheidung ist geprägt vom gesellschaftspolitischen Zustand der Nation, womit der Schlager zum Spiegel seiner Zeit wird. Beginnend mit der Geburt des Schlagers in den 60ern des 19. Jahrhunderts vergleicht Port le roi musikalische und inhaltliche Wandlungen mit den jeweiligen politischen Entwicklungen. Die Brücken, die er schlägt, sind frappierend stabil. Zarah Leanders entwaffnendes Liebeslied "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" wird vor nationalsozialistischem Hintergrund zur ironischen Wunderwaffen-Verheißung, und die gedankliche Flucht aus einem zerstörten Nachkriegsdeutschland führt in die heilig-heile Schlagerwelt der 50er. "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt", dann können sich mittlerweile auch Deutsche eine Reise nach Italien leisten, und der Schlager über die "Eingeborenen von Trizonesien" gerät gar zur heimlichen Nationalhymne. Adenauer, Brandt, neue Ostpolitik, Frauenemanzipation und Friedensbewegung - es gibt nichts, was sich nicht im Schlager niederschlägt. Viele Parallelen liegen nahe, andere überraschen. Wem fällt schon auf, dass 1983 mit den Grünen eine "Neue deutsche Partei" in den Bundestag und gleichzeitig die Neue deutsche Welle in die Hitparaden zog? Für Guildo Horn hat Port le roi wenig (Text) übrig und versäumt damit die Chance, diesem paradiesvogelhaften Phänomen auf die Spur zu kommen. Auch ist immer wieder spürbar, dass das Buch nicht aus einem Guss geschrieben, sondern aus verschiedenen - lebendig vorgetragenen - Referaten zusammengesetzt ist. Doch die konsequent durchgehaltene, stimmig belegte Grundthese, die Detailfülle und nicht zuletzt der lockere Schreibstil erhalten das Lesevergnügen und wecken Erinnerungen. Ein Buchtip auch für krisengeschüttelte Regierungen - vielleicht gilt ihnen Guildos Remake "Wunder gibt es immer wieder" als gutes Zeichen? 

Sabine Keitel


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